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Neurofeedback

von Lutz Berger

Palm Springs ist (im Winter) das Rentnerparadies für Dollarmillionäre: breite Highways und entsprechende Limousinen, gepflegte Vorgärten und mexikanisches Personal. Nur wenige Kilometer vom Pazifik entfernt, überschattet von unwirklichen Bergen und einer indianischen Geschichte. Ein idealer Platz, um dem naßkalten deutschen Winter zu entfliehen und beim 7. Neurofedback-Kongreß reinzuschauen …

Biofeedback, Neurofeedback und … Biofeedback ermöglicht über die Darstellung (meist unbewußter) Körperfunktionen Einfluß auf diese zu nehmen. Denn was wir erst einmal sehen oder hören, können wir auch beeinflußen - und so gibt es Biofeedbackgeräte für Muskelspannung, Blutdruck, Körpertemperatur, Hautwiderstand et cetera - und für Gehirnwellen.

Neurofeedback ermöglicht Erkenntnisse über das, was in Ihrem Gehirn vorgeht, während Sie es auf dem Bildschirm beobachten. Eine Rückkopplung (Feedback) des selbst reflektierenden Bewußtseins in der Unendlichkeit seiner neuronalen Neugier und seine erstaunliche Karriere verdankt es vor allem der Entwicklung immer leistungsfähigerer Soft- und Hardware:

Was bis vor wenigen Jahren die Domäne von Neurologen, Instituten und Kliniken war, läßt sich heute auf jedem guten Laptop erledigen: Hirnstrom-Messungen von beliebiger Dauer, die Darstellung der Hemisphären und individueller Frequenz-Präferenzen, Messungen über die Zeit hinweg lassen sich extrapolieren, vergleichen und mögliche Fortschritte dokumentieren.

Darüberhinaus verfügen die meisten Geräte (die akzeptablen kosten zwischen fünf und zehntausend Mark) über weitreichende Trainingsmöglichkeiten: Bunte Torten-, Balken- und Kurvendiagramme, Videospiele und anderem Schnickschnack sind nur auf den ersten Blick Spielerei: vor allem sind es excellente Trainingsinstrumente für den Geist! Was sich allerdings - trotz gestiegener Rechenleistung - nicht veränderte hat, ist die Kunst der Interpretation der Daten - und dazu gehört langjährige Erfahrung.

Rob Kall
Die hatten die zahlreichen Referenten im Überfluß - mehr als genug für einen zehntägigen Kongreß, die angegliederte Fachausstellung und Kontakte zwischen den Veranstaltungen. Auffäälig das breite Spektrum der Konferenzteilnehmer: Mediziner und Neurologen, Professoren und Pro-Experten, Physiker und Ingeniere, Soft- und Hardwarespezialisten, Gerätehersteller und Visionäre, klinische und praktische Psychologen, Journalisten, natürlich jede Menge Menge Trainer, Patentanwälte (sic!) - aber weniger als eine Handvoll Europäer …

Unverständlich, nicht nur für Rob Kall, dem Veranstalter und Neurofeedback-Spezialist der ersten Stunde. Der gute Geist in Turnschuhen, kurzen Hosen und Konferenz-T-Shirt, dessen Website (siehe Anhang) ein excellenter Ausgangspunkt für eigene Recherchen ist. Für die wichtigsten Namen, email-Adressen und Begriffe, Excerpts der Topics und Referate der letzten sechs Veranstaltungen - und natürlich für weiterführende Links.

Die Basis des Neurofeedback sind die Gehirnwellenbereiche Delta, Theta, Alpha und Beta, die jeweils charakteristischen Bewußtseinszuständen zugeordnet werden. Je nachdem, was wir gerade tun, funken wir schwerpunktmässig auf dem einen oder anderen eFrequenzband (siehe Kasten) - von den permanenten Überlappungen mal abgesehen. Und da sich Neurofeedback weniger auf Krankheiten und cerebrale Störungen focussiert, ermöglicht es faszinierende Einblicke in Psyche, Physis und Performance, die zum Teil weit über das hinausgehen, was wir aus der klassischen Medizin über Gehirnwellen bisher kannten.

Die Sprache der Wellen
Erfahrene Neurofeedback-Therapeuten achten auf die verborgenen Muster hinter den Mustern: Wo im Gehirn tauchen welche Signale auf, sind sie symetrisch oder asymetrisch, gibt es Präferenzen und wo liegen sie - wie ein Spezialist die winzigen elektrischen Ströme interpretiert, kann auch eins: erschrecken! Neurofeedback ermöglicht weit tiefere Einblicke in unsere Persönlichkeit, als man vermutet. Das reicht von cerebralen Stoffwechselstörungen über den persönlichen Drogenkonsum, von der Eignung für bestimmte Gruppenkonstellationen bis zur psychischen Belastbarkeit in Ausnahmesituationen. Und dennoch liegt die eigentliche Stärke weniger in der Diagnose, als vielmehr in den Trainingsmöglichkeiten.

Das haben Militär und Management, Sport und Hollywood bereits erkannt. So hat beispielsweise der Arzt und Mindmachine-Entwickler Davie Sievers (David Paradise) im Training mit Athleten festgestellt, "daß uns 18 Hz in einen "ok, laß-uns-mal-machen-Zustand" versetzt, was - auch wegen seiner langanhaltenden Wirkung - der ideale Zustand für optimaler Leistungsbereitschaft ist". Praktischer Umkehrschluß: Fehlt dieser Frequenzbereich im eigenen Denken, kann es ratsam sein, ihn zu trainieren (was sich in Medallien ausgezahlt).

Oder: Der Bereich zwischen 11.5 und 13.5 Hz hat sich als gute Grundlage "für den kreativen Fluß von Ideen" herausgestellt. Ein entsprechendes Training auf Vorstandsebene im abgelegenen Westen war so erfolgreich, daß die Firma dem Trainer für eine Million Dollar sein (kalifornisches) Institut eins zu nachbaute - damit er häufiger bei ihnen reinschaut …

Mag die Betonung bestimmter Frequenzen und scheinbar mechanischer Techniken auf manchen befremdlich wirken: Welche neue Idee ist das nicht und was wird nicht alles an NLP belächelt? Und ausserdem - von der Hand weisen lassen die Erfolge längst nicht mehr. Neurofeedback-Trainer haben im Spitzensport, im Training mit Managern, Militärs und in der Therapie längst jede Menge Fakten vorzuweisen. Zwar, so die Kritiker, längst noch nicht genug, aber die entsprechende Literatur wächst stetig … 

Trends & Tücken
Und so eignet sich das Neurofeedback zwar grundsätzlich für alles und jeden (Gehirnbesitzer), wird aber immer häufiger in der Arbeit mit lern- und verhaltensgestörten Jugendlichen eingesetzt, Stichwort ADD (Attention Defizit Disorder). Megabrain-Experte Michael Hutchison:

"Nach unterschiedlichen Schätzungen leiden ungefähr 15 % aller Amerikaner an ADD (die verschiedene Lern- und Wahrnehmungsstörungen beinhaltet). Zu den Symptomen zählen Unaufmerksamkeit, Schlaflosigkeit, Hyperaktivität, Konzentrationsstörungen, Irritiertheit, Impulsivität, schwaches Gedächtnis, Schwierigkeiten beim Lesen und Gefühle von Unschärfe - und wenn Sie nun glauben, dies sei ein amerikanisches Problem: zwar stehen die USA an der Spitze der Pyramide, ADD aber auch in Europa und anderen Industrienationen auf dem Vormarsch. Dafür kommen mehrere Gründe in Frage: schlechte Ernährung, zu wenig Schlaf, Umweltverschmutzung, Streß und Genetik, in manchen Fällen kann ADD auch auf ein Gehirntrauma zurückgeführt werden (temporäre Sauerstoffunterversorgung bei der Geburt ) oder eine Kopfverletzung."

Die einzige, medizinisch akzeptierte Form der Behandlung ist Medikation mit Ritalin, einem Amphetaminderrivat, das nur die Symptome dämpfen kann - von einer Therapie ist keine Rede. Hier setzt Neurofeedback ein - und ist verglichen mit den Kosten der langjährigen pharmazeutischen Behandlung eine äußerst preiswerte Alternative. Kein Wunder, daß dies Kritiker aus dem pharmazeutischen Lager auf den Plan ruft.

Liegt doch "in den Neurowissenschaften das Geld des nächsten Jahrtausends," so die Prophezeiung des kürzlich verstorbene Psychaters Ronald D. Laing, was man in Palm Springs bereits hautnah beobachten konnte. Wo in den letzten Jahren die Informationen noch bereitwillig flossen, zeichneten sich diesmal erste Hinweise auf einen neuen Trend ab: einige Referenten erschienen in Begleitung ihrer Patentanwälte, die mit Argusaugen darüber wachten, daß zur Anmeldung gebrachte Patente nicht leichtfertig ausgeplaudert wurden.

Solche Entwicklungen haben mehrere Seiten: einerseits Beleg dafür, daß immer mehr Geld in die Szene strömt (die Voraussetzung für weitere Entwicklungen), andererseits wird der Informationsaustausch gehemmt - eine Entwicklung, die auch in der klassischen Wissenschaft längst ihre Bremsspuren hinterläßt.

Erste Schritte
Wer sich hierzulande für Neurofeedback interessiert, kann sich entweder auf eigene Faust im www umsehen, oder sich an einen der wenigen deutschen Spezialisten wenden. Dazu zählt auch der Physiker Uwe Gerlach, der einen kleinen Vertrieb unterhält, ein excellenter Kenner der Materie ist und zusammen mit dem Mainzer Neurologen Dr. Rainer Wiegand ein Buch zum Thema herausbrachte. Uwe Gerlach und Rainer Wiegand in der Übersetzung eines Artikels aus psychology today Mai/Juni 98 von von Jim Robbins:

"Wenn Neurofeedback so gut arbeitet, warum ist es so gut wie unbekannt? Ein Grund mag sein, daß Neurofeedback in kein vorherrschendes medizinisches Modell paßt. Praktisch alle Forschung übers Gehirn ist in der Sprache von Neurotransmittern und psychotropen Drogen und nicht in der von Frequenz oder mentale Übungen. Die Wissenschaft mag es, wenn die Medizin in die vorgegeben´Schablonen paßt … Neurofeedback-Experte Othmer tadelt "das Allheilmittel Paranoia". Etwas das so gut arbeitet kann doch wohl nicht wahr sein. Es gibt natürlich ein paar Einschränkungen: es ist teuer, es ist zeitraubend und es muß von trainiertem Personal durchgeführt werden.

Darüberhinaus stellt sich ein Problem mit dem therapeutischen Potential des Neurofeedback, das so etwas wie ein philosophisches Rätsel ist: wenn das Gehirn darauf trainiert werden kann, sich mit Depression physiologisch abzugeben, schließt der Patient dabei die wichtigen Prozesse der Erkennung, des Verstehens kurz und auch das sich Auseinandersetzen mit einem tiefen psychologischen Problem? Und - um eine ganz neue Frage zu stellen - spielt das eine Rolle?"


Quellen:

Websites:

www.futurehealth.org
Die Seite von Rob Kall - reinschauen & für 3 - 8 Februar 2000 anmelden!

www.eegspectrum.com
Forschung, Studien und klinische Anwendung

http://members.aol.com/uwegerlach/index.htm
Uwe Gerlachs Homepage, Mind Machines, Mentalsysteme und Neuropfeedback, plus interessante ein- und weiterführende Artikel in deutsch uind Englisch.

www.pantek.com/~tomc/refs.html
Brainmaster refereces & Neurolinks

Bücher:

Anna Wise, "Power Mind Training", Junfermann Verlag
Uwe Gerlach und Rainer Wiegand "Neurotechnologien - die neue Herausforderung" Selbstverlag der Autoren


Die Gehirnwellen

Gehirnwellen sind die Summe der elektrische Aktivitäten der Großhirnrinde, die mittels Elektroden an der Kopfhaut gemessen werden können. Jede der unzähligen elektro-chemischen Entladungen unserer Nervenzellen erzeugt normalerweise ein winziges elektromagnetisches Feld mit einer Frequenz zwischen einer und 40 Schwingungen pro Sekunde (in Ausnahmezuständen auch bis 100 Hz und höher). Die Gesamtheit dieser Signale ergibt die sogenannten «Gehirnwellen».

BETA-WELLEN
(13-100 und mehr Hz)
werden gemessen, wenn eine Person sich im wachen, gespannten bis hin zum alarmbereiten Zustand befindet. Der normale Betabereich liegt zwischen 13 und 30Hz, ein hoher Anteil Beta Wellen korrespondiert meist mit einem erhöhten Ausstoß von Streßhormonen. Im Vordergrund steht dabei das nach außen gerichtete Bewußtsein, Verarbeitung von Sinnesreizen, prüfendes Denken. Dabei wird häufig eine gewisse Nähe zu Unruhegefühlen, Sorgen und plötzlicher Furcht beobachtet. Neurologisch werden die Betawellen in noch feinere Bereiche aufgeteilt, z. B. SMR Beta (12- 15 Hz): entspannte Aufmerksamkeit nach außen, Mid Beta (15-18 Hz) für aktiv gerichtete aufmerksmkeit nach außen, High Beta (18-35 Hz) auch bei dominanter Angst, Streß, und schließlich Gamma (35 Hz bis 100 Hz) tritt zum Teil bei körperlichen und geistigen Spitzenleistungen (opeak performances) auf.

ALPHA-WELLEN
(8-12 HZ)
tauchen in relaxten Zuständen auf, bei geschlossenenn Augen, im bestimmten Stadium zwischen Schlafen und Wachen. Kennzeichnend für Alpha-Wellen sind eine wohlige Entspannung, ruhiges, fließendes Denken, eine zuversichtliche Grundstimmung sowie ein Gefühl der Integration von Körper und Geist. Vom Wohlbefinden ein neutraler Zustand, der beim Superlearing oder Mentaltechniken wie der Silva-Mind-Control gerne genutzt wird - oder wenn Sie die Augen schließen.

THETA-WELLEN
(4-7 Hz)
entstehen üblicherweise im Schlaf, während bestimmter Trancezustände und während tiefer Meditation. Die Formationen des Unterbewußtsen sind nun aktiv. Dieser Zustand ist charakterisiert durch plastisches Vorstellungsvermögen, erhöhte Lern- und Erinnerungsfähigkeit, Fantasiebilder, Inspirationen bis hin zu Traumsequenzen, bei denen die Denkfunktionen nicht eingreifen. Ideal für freies Assoziieren und kreatives Denken - wenn man nicht einschläft.

Auch treten bei bestimmten mentalen Dysfunktionen verstärkt Theta-Wellen auf, was Sie aber nicht weiter beunruhigen sollte: Bei Kindern wird bis zum zehnten, zwölften Lebensjahr ein hoher Daueranteil von Theta-Wellen gemessen.

DELTA-WELLEN
(1-3 Hz)
treten hauptsächlich im Tiefschlaf auf und werden im Wachzustand nur äußerst selten erlebt. Die begleitenden psychischen Zustände sind traumloser Schlaf, sowie verschiedene Arten von Trance und "nicht-physischen" Zuständen. Von großer Bedeutung sind die Delta-Wellen für alle Heilungsvorgänge, sowie für die Funktionstüchtigkeit des Immunsystems, werden doch in Delta häufig heilende Wachstumshormone ausgeschüttet. Interessante neuere EEG-Messungen (Günter Haffelder, Institut für Kommunikation und Gehirnforschung, Stuttgart) konnten nachweisen, daß Heiler während ihrer "Sitzungen" häufig hohe Deltawellen-Anteile aufweisen.


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