ICH TU WAS FÜR MICH

Das CD-Programm für
aktive Lebensgestaltung

Musik, Magie & Medizin

von Lutz Berger

Teil 1

Ängste und Schmerzen, Depressionen, Herz- und Kreislaufprobleme, Migräne, Streß und viele andere gesundheitlichen Störungen lassen sich mit MusikMedizin und Musiktherapie positiv beeinflussen. Über neue Forschungsergebnisse und Anwendungsbereiche berichtet Lutz Berger, Autor des Buches „Musik, Magie & Medizin“.

Krankheit als musikalisches Problem
Der Dichter Novalis war überzeugt, daß jede Krankheit ein musikalisches Problem sei und bis heute messen zahlreiche Völker den richtigen Gesängen ein größeres Gewicht bei, als Kräutern und Arzneien. Musik und Heilkunst sind wie Max und Moritz - doch was sagt die moderne Medizin dazu? Wie läßt sich Musik zur Heilung nutzen? Welche Anwendungen sind vielversprechend und wo liegen ihre Grenzen?

Fest steht, daß Musik für die modernen Medizin immer interessanter wird. Und daß immer mehr Musiktherapeuten in Kliniken arbeiten. So wie Jürgen W. Weckel. Er berichtet über einen Koma-Patienten: "Seit über einem halben Jahr ist Massimo im apallischen Syndrom (Ausfall des Hirnstammes, z. B. nach Unfällen, d. Red.). Seine Augen hat er geöffnet, aber er fixiert nicht - mit seinem starren Blick scheint er seine Umwelt nchen Krankheit und Gesundheit.

Daß Musik in der modernen Medizin weitgehend akzeptiert ist, ist mit ein Verdienst von Wissenschaftlern wie Dr. Ralph Spintge, Vorsitzender der International Society of MusicMedicine, ISMM und Anaesthesist im Sportkrankenhaus Hellersen bei Lüdenscheid. Er und seine Kollegen haben verschiedene Musik-Programme und ihre Wirkung bei über 100.000 Patienten untersucht. Mit dem Ergebnis, so Dr. Ralph Spintge, daß „Musik als angst- und schmerzlösendes Therapeutikum inzwischen in die Klinische Medizin eingeführt ist. Dies war möglich, weil in klinisch-kontrollierten Studie, ähnlich denen, wie sie für Medikamentenprüfungen durchgeführt werden, nachgewiesen werden konnte, daß spezielle Musik den Anwendungskriterien eines Medikamentes genügen.“

Der Medicus als Musicus
Ob in China, Indien, Ägypten oder Griechenland: Musik in der Medizin - und Musik als Medizin - kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Ägyptische Priester setzten sie zur Heilung ein, chinesiche und indische Schriften berichten ausführlich über Musik in der Heilkunst. Noch im Mittelalter studierte jeder Arzt Musik. Das Studium der sieben Künste war eine Selbstverständlichkeit und ab dem 13. Jahrhundert sogar Pflichtfach. Dabei waren es vor allemd arabische Ärzte, die Musik in der Medizin perfektionierten. In ihren (auch für heutige Verhältnisse) erstaunlich modernen Krankenhäusern musizierten Heerscharen von Harfenspie-lern, Lautenschlägern und Trommlern. Und in Neapel gab es bis ins 18. Jahrhundert Musik in den Hospitälern. Und als im 19. Jahrhundert der Siegeszug der modernen Medizin begann, trennten sich die Wege von Musik und Heilkunst.

Die zweite Renaissaince
Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm das wissenschaftliche Interesse wieder zu. Physiologische Untersuchungen belegen heute den Einfluß von Musik auf Atem, Herz und Kreislauf und die Forschung wartet mit einer Fülle neuer Fakten auf. Musik wird in erster Linie als begleitende Therapieform eingesetzt; als besonders wirksam hat sie sich in folgenden medizinischen Bereichen erwiesen:

  • Schmerzkontrolle
  • Geburtshilfe
  • Drogen- und Alkoholentgiftung
  • Depressionen
  • Komapatienten
  • Beschleunigung postoperativer Heilungsprozesse
  • Migräne
  • Geriatrische Behandlungen und Alzheimer
  • Rehabilitationsmaßnahmen in der Physiotherapie
  • Lernbehinderungen
  • psychologische und psychiatrische Problemfälle

Musiktherapie und MusikMedizin
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Musiktherapie und MusikMedizin. Hierzu-lande wird häufig die aktive Musiktherapie betrieben. Der Schwerpunkt liegt auf Psychotherapie, auf Improvisation und anschließenden Gesprächen. Häufig zusammen mit Bewegung, Malen und anderen künstlerischen Ausdrucksformen. Fünf staatliche Hochschulen und mehrere private Institute bilden jährlich über 200 Musiktherapeuten aus. Sie finden eine Anstellung in Krankenhäusern, zahlreichen Reha-Einrichtungen, Alten- und Pflegeheimen, sowie 70% aller psychiatrischen Klinken.

Die MusikMedizin beschäftigt sich „mit einer wissenschaftlichen Bewertung musika-lischer Stimuli im medizinischen Bezugsrahmen, insbesondere über mathema-tische, physikalische, physiologische und medizinische Untersuchungen – aber auch im Hinblick auf ihre therapeutische Anwendung zur Ergänzung traditioneller Heilmethoden“, schreibt Dr. Ralph Spintge. MusikMediziner sind Ärzte die eher mit Kopfhörer und CD arbeiten, als mit Instrumenten. Beispielsweise vor, während oder nach Operationen, wie im Sportkrankenhaus Hellersen (siehe Foto).

Auf diese Weise lassen sich sich deutliche Einsparungen an Medikamenten erreichen, „eine Reduktion der Prämedikationsdosen für Triflupromazin (Pysquil) und Thalamonal auf 50 Prozent der sonst üblichen Dosis beeinträchtigt weder den psychischen noch den physischen Status der Patienten vor, während und nach der Anaesthesie (Dr. Ralph Spintge)“. Ähnliches erlebten Ärzte in einer Klinik in Imperial Valley, Kalifornien, die während lokaler Eingriffe Barockmusik spielten. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten diese Patienten weniger postoperative Symptome wie Übelkeit oder Schmerzen und benötigten weniger Schmerz- und Beruhigungsmittel.

womb sounds
Ergebnisse, die auf aussagekräftigen Studien beruhen, überzeugen Mediziner. So wie die des amerikanischen Arzt Dr. Fred Schwartz. Aus persönlicher Erfahrung erforschte der amerikanische Anaesthesist diejenigen Klänge, die uns bereits im Mutterleib begleiten - und entsprechend prägen (womb sounds). Unsere ersten Sinneseindrücke kommen über das Ohr und bereits im Mutterleib hören wir diese ganz besondere Symphonie aus Herzschlag und Atem unserer Mutter, dem Klang ihrer Stimme und dem beruhigenden Rauschen ihres Blutes in den Adern. Dr. Fred Schwartz nahm die Klänge mit speziellen Mikrophonen auf und spielte sie Frügeborenen vor. Der Erfolg: sie nehmen schneller zu, entwickeln sich besser, sind ruhiger und können früher aus dem Krankenhaus entlassen werden. Frühgeborenen-Betreuung ist eine kostspielige Sache und daher ist das Interesse der Krankenhäuser und der Medien groß.

Womb sounds wirken auch bei Erwachsenen. Sie beruhigen und können den Hörer in die vertraute Welt des Uterus zurückversetzen. Dr. Fred Schwartz produzierte, basierend auf seinen Forschungen, mehrere CDs für Babies (und ihre Mütter). Allmählich wächst auch in Deutschland das Interesse an seiner Arbeit - wie für Musik in der Medizin ganz allgemein.

Warum wirkt Musik?
Musik wirkt nicht nur auf den Menschen. Sie regt auch das Pflanzenwachstum an, Hühner legen mehr Eier und Kühe geben mehr Milch. Selbst Bakterien wachsen bei bestimmten Klängen besser und sterben bei anderen ab. Physiker erklären die Wirkung der Musik auf Menschen das mit der Tatsache, daß auf atomarer Ebene die Grenzen verschwimmen: Schwingung und Materie, Welle und Teilchen sind identisch. Zwei Seiten einer Medaillie. Alles schwingt - so wie das Leben auf diesem Planeten. Entwickelt aus der Anpassung an die Jahreszeiten, die Mond-phasen, Tag und Nacht, Ebbe und Flut.

Auch Krankheiten haben ihren Rhythmus: Asthmaanfälle häufen sich in der Nacht, Herzinfarkte zwischen zehn und zwölf Uhr mittags. Unfälle ereignen sich zwischen drei und vier Uhr morgens mit sechzehnfacher Häufigkeit, auch wenn die meisten Fahrer zuvor acht Stunden schliefen! Und die Physiologen fanden heraus, daß viele Krankheiten sich durch einen Verlust von Rhythmizität auszeichnen. Ganz so wie der Dichter Novalis es beschrieb …

Der Mittler zwischen Klang und Körper ist die Resonanz. Treffen zwei Rhythmen aufeinander, gibt meist einer nach und der andere übernimmt die Führung. Hängt man zwei Uhren nebeneinander, ticken sie irgendwann im gleichen Takt. Sitzen zwei Menschen zusammen, gleichen sich ihre Bewegungen, ihr Atem und ihre Gehirnwellen allmählich an. Dieses Phänomen findet sich überall in der Natur und darauf baut Jürgen W. Weckel bei seinen Komapatienten: Er nimmt ihren Atem-rhythmus auf, ahmt ihn musikalisch nach, „spielt“ mit ihm und schwingt sich auf ihn ein. Alles nur Physik?

Hören und Zu-hören können
Ja und nein. Denn neben den physikalischen spielen auch psychologische Faktoren eine große Rolle. Musik hat magische Momente. Sie wirken auch, ohne daß wir zuhören. Doch die bewußte Konzentration verstärkt die Wirkungen beträchtlich. Ein Ohr, das Zuhören kann, macht sich offen für die gesundheits-fördernden Schwingungen der Musik. Von der Unterhaltung zum Unterhalt. Hans-Helmut Decker-Voigt empfiehlt über „diesen Wort- und Sinnzusammenhang immer dann nachzudenken, wenn von Unterhaltung die Rede ist. Ein großer Teil dieser Unterhaltung ist nichts als (überflüssige) Reizüberflutung, ihr Keim jedoch lebensnotwendiger Unterhalt."

Prof. Decker-Voigt ist Professor für Musiktherapie in Hamburg, Autor zahlreicher Bücher und Gastgeber des 8. Weltkongresses für Musiktherapie. Der bekannte Musiktherapeut und Psychologe setzt sich seit Jahren für Musik in der Medizin ein. Und ist maßgeblich daran beteiligt, daß sich MusikMedizin und Musiktherapie aufeinander zubewegen.

Das ist gut so, denn immer mehr Menschen müssen die Verantwortung für ihre Gesundheit in die eigenen Hände nehmen. Dann werden sie, so die Einschätzung der Experten, eher zu einer Mischung aus Entertainment und Prophylaxe neigen, als zu bitteren Pillen und unnötigen Operationen. Auch wenn es wie Zukunftsmusik klingt: Wo bitte steht geschrieben, daß Medizin möglichst kompliziert, ungenüßlich, lieblos, ineffektiv, teuer, einfarbig und unmusikalisch daherkommen muß?

Und was können Sie tun, wenn Sie sich für Musik bei gesundheitlichen Störungen interessieren, sich aber weder einen Musiktherapeuten, einen Klinikaufenthalt oder entsprechende Seminare leisten wollen? Sicher, Musik gibt es genug, doch welche Musik ist für mich und mein Problem geeignet? Wie und wo finde ich eine wissenschaftlich abgesicherte Musikauswahl?

Diese Fragen stellte sich auch der Chef eines großen Hamburger Plattenkonzerns. Zunächst weniger aus kommerziellem Interesse, sondern weil ein Verwandter nach einem Herzinfarkt Musiktherapie kennen- und schätzenlernte. Wolf Urban, Chef von Polymedia und im Tagesgeschäft für Hits und Hitparaden zuständig, entschloss sich zu einem bisher weltweit einzigartigem Projekt. Zusammen mit Dr. Ralph Spintge und Prof. Hans-Helmut Decker-Voigt gründete er „Energon, das medizinisch-psychologische Musikprogramm“. Mit einem für Plattenfirmen beispiel-losen Engagement.

Man beteiligte sich finanziell an der „Herbert-von-Karajan-Akademie“ für therapeutische Weiterbildung in Musiktherapie, Polymedia unterstützt mehrere Forschungsprojekte, gab Sachspenden und organisierte im Frühjahr 1997 in Hamburg ein internationales Symposium für Musik in der Medizin. Energon besteht zahlreichen teils ausgesuchten, teils extra eingespielten Musikstücke, Übungen und Informationen. Die Programme eignen sich sowohl für die individuelle Anwendung zuhause, als auch unter therapeutischer Begleitung.

Soviel über Musik und ihre wissenschaftlich belegten Wirkungen. Doch auch außerhalb der klassischen Medizin wurden eine Fülle neuer Methoden und Verfahren entwickelt, die mit ausgesuchten Rhythmen und Frequenzen, altem Wissen und innovativer Technologie Erfolge feiert. Mehr über diese Seite der Musik im nächsten Heft.

Weiterführende Information:

Musikalische Kliniken
Hier eine Reihe von Kliniken und Kurkrankenhäusern, die Musik gezielt zur Therapieunterstützung und Regeneration einsetzen:

Krankenhaus für Sportverletzte Hellersen
Hardtwaldklinik Zwesten
Onkologische Klinik Großhadern
Städt. Krankenhaus München-Bogenhausen
Universitätsklinik Ulm, Abt. Psychotherapie
Universitätsklinikum Rudolf Virchow Berlin
Curschmann Klinik Timmendorfer Strand
Medizinische Hochschule Hannover
Kreisspital Brig/Schweiz
Klinikzentrum Bad Sulza

Welche Musik ist die richtige?
Eine Frage, die sich immer wieder stellt: Wie hört sich therapeutische Musik an, welche Stücke sind geeignet? Geht man von Harmonie und Entspannung aus, sollte sich die entsprechende Musik am Herzschlag orientieren. 60-70 Schläge pro Minute sind hier optimal. Entspannende Musik kann ruhig und harmonisch sein, mit leichten, fließenden Melodien. Man muß nicht gleich einschlafen dabei, aber gezielt Gefühle wie innere Ruhe, Entspannung und Zufriedenheit anstreben.

Dazu eignen sich die langsamen Sätze der klassischen Musik wie Andante, Adagio, Largo am besten. Die Dauer der Musikstücke sollten zwischen drei und zwölf Minuten liegen, niedrige Frequenzen eignen sich besser für eine tiefe, körperliche Entspannung als hohe, Solo-Konzerte besser als Symphonien. Bei den klassischen Instrumenten sollen Oboe, Klavier, Cello, Violine, Klarinette und Orgel besonders geeignet sein, einfache Strukturen, wenig Dynamik, melodische Kontraste, einfache Harmonien und Rhythmen eignen sich. Neben der klassischen Musik können Sie immer auch auf Ihre Lieblingsmusik zurückgreifen, auf Musik anderer Völker oder ausgesuchte New Age und Meditationsmusik.

Wichtige Adresse für Ärzte, Wissenschaftler und Institutionen, die sich mit dem Fach- und kulturübergreifenden Austausch von Konzepten, Erkenntnissen und Er-fahrungen zu wissenschaftlichen Grundlagen und praktisch-klinischen Anwendun-gen von Musik in der Medizin befassen:

Internationale Gesellschaft für Musik in der Medizin (ISMM)

Dr. Roland Droh & Dr. Ralph Spintge
Direktoren

Paulmannshöher Straße 17
58515 Lüdenscheid
Fax: 02351 – 945 17

Dieser Artikel von Lutz Berger erschien in der Zeitschrift BIO.

Teil 2

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